Bremer Energie-Konsens

Interviews: CO2-Label ja oder nein?


Comic Fussabdruck


Wie sinnvoll ist eine Einführung von CO2-Labeln derzeit in Deutschland und welche Chancen könnten sie Verbrauchern und Unternehmen bieten?

Wir haben bei Dr. Rainer Grießhammer, Mitglied der Geschäftsführung im Öko-Institut, Torsten Matthias, Marketingleiter Frosta und Jörgen Birkhan, Klimareferent bei der Verbraucherzentrale Bremen, nachgefragt.

Sollte es aus Ihrer Sicht eine CO2-Kennzeichnung geben?

 

Dr. Rainer Grießhammer: Es gibt mehrere zehntausend Produkte. Bei dieser Vielzahl wäre eine breite CO2-Kennzeichnung extrem aufwändig und ohne Vergleichmaßstäbe für Verbraucher eher verwirrend. Wenn überhaupt, sollte eine Angabe der Kohlendioxid-Bilanz nur bei besonders relevanten Produkten wie Heizöl, Gas oder Benzin erfolgen, beziehungsweise bei PKW oder Strom beibehalten werden. Bei Elektrogeräten ist die Energieeffizienzkennzeichnung eigentlich schon ausreichend. Durch die Einordnung in Klassen – von A niedriger bis G hoher Energieverbrauch – können die Verbraucher die Produkte vergleichen.

 

Torsten Matthias: Wir hätten damit kein Problem, weil wir den CO2-Fussabdruck für den Grossteil unserer Produkte bereits ermittelt haben. Eine verpflichtende Kennzeichnung auf der Verpackung halte ich aber trotzdem nicht für sinnvoll. Es gibt bereits zu viele Labels auf Verpackungen. Bei Frosta veröffentlichen wir den CO2-Fussabdruck für interessierte Verbraucher aber im Internet.

 

Jörgen Birkhan: Zu befürworten ist, dass Unternehmen für ihre Produkte und Dienstleistungen CO2-Bilanzen erstellen. Diese CO2-Fußabdrücke – Product Carbon Footprint – müssen auf Grundlage einer staatlichen Norm entwickelt werden. Einer CO2-Kennzeichnung, im Sinne eines Labels mit einer Kohlendioxid-Angabe, stehen wir als Verbraucherzentrale aber skeptisch gegenüber. In Großbritannien gibt es bereits das Carbon-Label. Bislang werden aber nur wenige Produkte gekennzeichnet. Ob auf die Werte wirklich Verlass ist, darf bezweifelt werden. Bislang gibt es noch keine einheitliche Methode, mit der die CO2-Fußabdrücke berechnet werden können. Mit einem internationalen Standard ist frühestens 2011 zu rechnen. In Deutschland gibt es Überlegungen, den kompletten Produktlebenszyklus zu berücksichtigen. Das heißt, dass die Rohstoffe, Vorprodukte, Transportwege, Verarbeitung, aber auch Lagerung, Nutzung und Entsorgung abgebildet werden. Das englische Carbon-Label bezieht dagegen einen Teil der Nutzung und die Einkaufsfahrt nicht mit ein.

 

Warum hat sich die CO2-Kennzeichnung bislang noch nicht in Deutschland durchgesetzt?

 

Dr. Grießhammer: In anderen Ländern wird zwar viel angekündigt, aber nichts eingehalten. Die englische Supermarktkette Tesco beispielsweise wollte ursprünglich 70.000 Produkte labeln, dann ein paar Tausend, dann mehrere Dutzend. Wer heutzutage in einen Tesco-Laden geht, findet jedoch gar nichts. Frankreich hat die angekündigte CO2-Kennzeichnung verschoben. Lebensmittel sind außerdem nahezu die schwierigste Produktgruppe zum Labeln: Tausende unterschiedliche Produkte, Saisonware, häufige Wechsel der Zulieferer, unterschiedliche Transportwege und Verpackungen, Lager- und Kühlzeiten erschweren die Ermittlung der CO2-Bilanz und lassen nur einen unzureichenden Vergleich zu.

 

Matthias: Abgesehen von Kühlschränken oder PKW ist solch ein Label in anderen Zusammenhängen – beispielsweise bei Lebensmitteln – für den Verbraucher wenig sinnvoll. Ich denke nicht, dass die CO2-Bilanz ein wesentliches Kaufkriterium bei Lebensmittel ist, sondern andere Kriterien wie Geschmack oder Gesundheit eine größere Rolle spielen. Es gibt mit Sicherheit Konsumenten, die auf eine klimaschonende Ernährung achten. Doch dieser Anteil ist nicht groß genug, um ein verpflichtendes CO2-Label einzuführen. Zudem gibt es bislang keine vereinheitlichen Standards, so dass der Vergleich einzelner Produkte nicht möglich ist.

 

Birkhan: Zum einen ist es kompliziert und teuer, den Product Carbon Footprint zu ermitteln. Zum anderen werden dafür normalerweise durchschnittliche Produktionsweisen angenommen und nicht die Werte der tatsächlichen Produktion berechnet. Dabei können sich Komponenten, Lieferanten oder Anbaumethoden und damit auch Transportwege ändern. Zudem ist es sehr schwer, das Nutzverhalten der Verbraucher einzubeziehen. So ist die CO2-Bilanz beispielsweise beim Waschpulver überwiegend abhängig von der Waschtemperatur.

 

Unter welchen Voraussetzungen ist ein CO2-Label auch in Deutschland sinnvoll?

 

Matthias: Wenn es einen einheitlichen Standard gibt und die CO2-Bilanz für die Verbraucher zu einem entscheidenden Kaufkriterium wird.

 

Dr. Grießhammer: CO2-Label sind außer bei PKW, Brennstoffen oder Strom wenig sinnvoll. Außerdem würden diese nur über einen Umweltaspekt informieren und keine Angaben zu Schadstoffen, Wasserverbrauch, Pestizideinsatz oder Bodenfruchtbarkeit machen. Konsumenten sollten deshalb lieber auf das Umweltzeichen Blauer Engel und bei Lebensmittel auf das Biosiegel achten. Bei Lebensmitteln ist es auch ohne CO2-Label einfach, sich klimabewusst zu ernähren: Weniger Fleisch, dafür mehr Gemüse und Obst ist viel gesünder als die Durchschnittskost und reduziert die Treibhausgase um etwa 15 Prozent. Wer zudem nur Biolebensmittel kauft, spart noch einmal etwa 15 Prozent Treibhausgase.

 

Birkhan: : Nur dann, wenn es den Verbrauchern eindeutige und leicht verständliche Informationen über klimafreundliche Alternativen gibt. Zudem müssten die Angaben der Wahrheit entsprechen und einem öffentlichen und wettbewerbsrechtlichen Vergleich standhalten und vom Verbraucher überprüft werden können. Der Konsument sollte für sich eigene Handlungsoptionen aus den Informationen ableiten können. Dafür müsste die Kennzeichnung weitere Nachhaltigkeitskriterien, insbesondere aus dem Umweltbereich, berücksichtigen. Allein die Nennung der CO2-Bilanz reicht dafür im Normalfall nicht aus.

 

Was hätten Verbraucher und Unternehmen davon?

 

Birkhan: Mit einem Product-Carbon-Footprint haben Unternehmen die Möglichkeit, ihre Produktionskette und ihren Einkauf nach Klimakriterien zu bewerten und zu verbessern. Verbraucher würde eine Kennzeichnung helfen, ihren Einkauf nach der Klimabilanz auszurichten und dadurch ihren persönlichen CO2-Fußabdruck zu verbessern. Umweltschonend einkaufen ist aber schon jetzt möglich: Wir empfehlen, weniger Fleisch und konzentrierte Milchprodukte wie lange gereifter Käse zu konsumieren und dafür mehr Gemüse und Obst sowie saisonale und regionale Lebensmittel zu bevorzugen. Wer dann noch mit dem Rad statt mit Auto zum Supermarkt fährt, reduziert seinen CO2-Fußabdruck automatisch.

 

Matthias: Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck berechnen lassen, erkennen, an welcher Stelle in der Prozesskette Emissionen entstehen. Daraus ableitend können sie ihre CO2-Emissionen und damit auch Kosten reduzieren. Verbraucher könnten beim Einkauf den Faktor Klimaschutz berücksichtigen und ihre eigene CO2-Bilanz reduzieren.

 

Dr. Grießhammer, Torsten Matthias und Jörgen Birkhan

Bildzeile:
Von links nach rechts: Dr. Grießhammer, Torsten Matthias und Jörgen Birkhan